Geschichte

„Prager Manifest“: Als die SPD zur Revolution gegen Hitler aufrief

Die SPD wird in diesem Jahr 160 Jahre alt. Wir blicken zurück auf wichtige Ereignisse. Heute: das „Prager Manifest“ vom 28. Januar 1934.
von Kai Doering · 3. Mai 2023
„Deutsche Arbeiter, ihr habt nur die Ketten Eurer Knechtschaft zu verlieren.“ Am 28. Januar 1934 erschien das „Prager Manifest“ im „Neuen Vorwärts“.
„Deutsche Arbeiter, ihr habt nur die Ketten Eurer Knechtschaft zu verlieren.“ Am 28. Januar 1934 erschien das „Prager Manifest“ im „Neuen Vorwärts“.

„Deutsche Arbeiter, ihr habt nur die Ketten Eurer Knechtschaft zu verlieren, aber die Welt der Freiheit und des Sozialismus zu gewinnen.“ So enden zwei dicht bedruckte Seiten, die am 28. Januar 1934 in Prag veröffentlicht werden. Der Vorstand der SPD ist nach dem Sturm der SA auf die Häuser der Gewerkschaften am 2. Mai 1933 hierher geflohen und nennt sich nun „SoPaDe“ – Sozialdemokratische Partei Deutschlands im Exil.

Die SPD ruft zum Sturz Hitlers auf

Schon kurz nach der Flucht nehmen die Genoss*innen unter der Führung von Otto Wels ihre Arbeit wieder auf. Sie unterstützen in Deutschland ausharrende Sozialdemokrat*innen und informieren das Ausland über den immer stärker um sich greifenden Terror der Nazis. Am 18. Juni 1933, vier Tage vor dem endgültigen Verbot der SPD, erscheint in Prag auch die erste Ausgabe des „Neuen Vorwärts“. „Der Welt die Wahrheit zu sagen und dieser Wahrheit auch den Weg nach Deutschland zu öffnen ist unsere Aufgabe. Die Geschlagenen von heute werden die Sieger von morgen sein!“, heißt es selbstbewusst im Leitartikel.

Der Text, der am 28. Januar 1934 im „Neuen Vorwärts“ erscheint, richtet sich dagegen ganz klar an die Menschen in Deutschland. Mit dem „Prager Manifest“ ruft die Exil-SPD sie zum revolutionären Sturz des Hitler-Regimes auf. „Im revolutionären Kampf die Knechtschaft durch das Recht der Freiheit, die Gesetzlosigkeit durch die Ordnung des Sozialismus zu überwinden ist die Aufgabe der deutschen Arbeiterbewegung“, heißt es im Text.

Nicht revolutionär genug

Verfasst hat ihn Rudolf Hilferding, der führende Theoretiker der SPD und Schüler von Karl Kautsky, mit dem zusammen er das „Heidelberger Programm“ geschrieben hat. Auf dem Höhepunkt der Inflation 1923 ist Hilferding wenige Wochen Reichsminister der Finanzen gewesen. Mit dem „Prager Manifest“ wollen er und die Exil-Genoss*innen auch das Vertrauen der in Deutschland gebliebenen linken Oppositionellen gewinnen wie etwa Siegfried Aufhäuser und Rudolf Breitscheid.

Die aber sehen in den Forderungen des Prager Manifests eher ein Lippenbekenntnis der SoPaDe: Zwar wird ein Sturz der Nazi-Herrschaft gefordert, doch statt einer „Diktatur des Proletariats“ im Sinne von Marx soll der bürgerliche Staat wiederhergestellt werden. Der „revolutionäre Sozialismus“ des „Prager Manifests“ ist ihnen nicht revolutionäre genug.

Ein sozialdemokratisches Revolutionsprogramm

Wie viele der 10.000 Exemplare des „Neuen Vorwärts“, die extra im Dünndruck erscheinen, ins Deutsche Reich gelangen, in dem bereits eine strenge Zensur herrscht, ist unklar. Zusätzlich werden 40.000 Exemplare des „Prager Manifests“ als Tarnbroschüre gedruckt und mithilfe von Kurieren über die Grenze geschmuggelt. Der Titel des Heftes: „Die Kunst des Selbstrasierens“.

Auch wenn das „Prager Manifest“ nicht die Wirkung entfaltet, die sich die Exil-Genoss*innen erhoffen: Sie senden damit ein klares Zeichen nach Nazi-Deutschland. „Durch Freiheit zum Sozialismus, durch Sozialismus zur Freiheit!“ lautet der unmissverständliche Schlusssatz. Als historisches Zeugnis gilt das Prager Manifest heute als einziges sozialdemokratisches Revolutionsprogramm.

Im Archiv der sozialen Demokratie der Friedrich-Ebert-Stiftung kann die Ausgabe des Neuen Vorwärts mit dem Prager Manifest im Original nachgelesen werden.

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Autor*in
Kai Doering
Kai Doering

ist stellvertretender Chefredakteur des vorwärts. Er betreut den Bereich Parteileben und twittert unter @kai_doering.

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