Inland

Alexander Schweitzer: Das ist der neue Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz

Nach mehr als elf Jahren gibt es mit Alexander Schweitzer einen neuen Ministerpräsidenten in Rheinland-Pfalz. Der 50-jährige Sozialdemokrat blickt bereits auf ein bewegtes Leben zurück. Was zeichnet Schweitzer aus?

von Jonas Jordan · 10. Juli 2024
Alexander Schweitzer ist Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz.

Alexander Schweitzer ist Ministerpräsident des Landes Rheinland-Pfalz.

Alexander Schweitzer steht als kleiner Junge auf einem Schiff und blickt an Land. Das Schiff fährt den Rhein abwärts, vorbei an der rheinland-pfälzischen Landeshauptstadt, vorbei an der Staatskanzlei des Bundeslandes. Viele Jahrzehnte später wird diese Schweitzers Arbeitsplatz. Denn seit Mittwoch ist der 50-jährige Sozialdemokrat neuer Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz. Nach mehr als elf Jahren löst er seine Parteikollegin Malu Dreyer ab. 

Aufgewachsen auf dem Rhein

Ob sich diese Szene tatsächlich so zugetragen hat, ist nicht zu 100 Prozent belegbar. Doch unwahrscheinlich ist es nicht. Denn Alexander Schweitzer hat seine ersten Lebensjahre auf dem Rhein und anderen Flüssen verbracht. Sein Vater war Binnenschiffer. Es habe für die Familie zwei Möglichkeiten gegeben, sagt Schweitzer: entweder sich nur alle paar Wochen zu sehen oder immer mit dabei zu sein. Also entschieden sich die Schweitzers für ein Leben auf dem Schiff. „Ich habe an Bord gespielt, saß viel im Führerhaus und habe im Hafen Radfahren gelernt. Ich war das einzige Kind an Bord und habe mich da sehr wohl gefühlt“, blickt der Ministerpräsident zurück.

Auch heute noch fühle er sich dem Rhein sehr verbunden. Der Fluss sei nicht nur Mit-Namensgeber für das Bundesland, sondern habe auch einen entscheidenden Einfluss auf Industrie, Tourismus, Kultur und den Umgang der Menschen in Rheinland-Pfalz miteinander. „Ich bin überzeugt, dass es einen Unterschied macht, ob ein Land durch einen großen Fluss geprägt ist. Die Menschen haben gelernt, mit anderen Menschen umzugehen und pflegen eine gewisse Offenheit“, sagt Schweitzer. Diese Offenheit und zugleich eine Vielfalt seien charakteristisch für Rheinland-Pfalz, meint er: „Wenn Sie Menschen im Urlaub treffen, werden Sie die Rheinland-Pfälzer immer erkennen.“

Auch Schweitzer will „Nah bei de Leut'“ sein

Schweitzer sucht gerne aktiv das Gespräch mit Menschen. „Nah bei de Leut‘“, dieses Motto der rheinland-pfälzischen SPD, das Kurt Beck einst prägte und Malu Dreyer mit ihrer Herzlichkeit weiterführte, macht sich auch Schweitzer zu eigen. Es sei die einzige Art, Politik machen zu können, eine Kraft- und Inspirationsquelle für ihn. „Die Begegnung mit Menschen ist die Grundlage all dessen, was ich tue“, sagt er.

Kurz nachdem im Juni öffentlich bekannt wurde, dass Schweitzer Malu Dreyer nachfolgen soll, setzt er sich an einem Samstagmorgen ins Auto, um von seiner Heimatstadt Bad Bergzabern in der Südpfalz zweieinhalb Stunden quer durch Rheinland-Pfalz zu fahren. In Andernach will er den SPD-Landratskandidaten Marko Boos kurz vor der Stichwahl unterstützen, Rosen verteilen, mit Menschen reden. Ein Mann kommt auf Schweitzer zu und sagt, er sei extra eine Dreiviertelstunde mit dem Fahrrad gefahren, um mit ihm zu reden. Daraufhin lädt Schweitzer den Bürger spontan auf einen Kaffee ein.

Die SPD ist seine Heimat

Das kommt gut an. Nicht nur bei Marko Boos, der einen Tag später einen historischen Sieg bei der Landratswahl feierte. Auch andere Sozialdemokrat*innen sprechen ausgesprochen positiv über Schweitzer. „Alexander Schweitzer ist einfach ein absolut authentischer Mensch. Er ist eine imposante Erscheinung, er ist hoch sympathisch und unheimlich liebenswert.“ Das sagt Maximilian Mumm, Bürgermeister der Verbandsgemeinde Maifeld und innerhalb der rheinland-pfälzischen SPD für seine durchaus auch mal kritischen Worte bekannt. Schweitzer bedeutet das viel. „Ich bin ein sehr emotionaler Sozialdemokrat. Für mich wäre das eine große Belastung, wenn meine Partei mich nicht tragen würde.“

Denn die SPD ist für ihn nicht irgendein Verein, sondern seine Heimat und Teil seiner Identität, seit er der Partei mit 16 Jahren beigetreten ist. Es war eine Zeit, als der 2,06 Meter große Schweitzer auch Basketball spielte. „Irgendwann waren mir die Jusos dann doch wichtiger als der Basketball“, sagt er. Doch ein kleines Revival gab es vor zwei Jahren im Wettstreit mit der saarländischen Ministerpräsidentin Anke Rehlinger, selbst ehemalige Leichtathletin. 

Alexander 
Schweitzer 
und Anke 
Rehlinger

Ein doppeltes Duell: Anke Rehlinger und Alexander Schweitzer traten im Basketball und Diskuswerfen gegeneinander an.

Sportlicher Wettstreit unter Ministerpräsident*innen: Anke Rehlinger und Alexander Schweitzer duellieren sich im Basketball.

Die beiden SPD-Politiker*innen trafen sich in Saabrücken, um im Diskuswerfen und Basketball gegeneinander anzutreten. „Eine Kombination, die bislang noch nicht olympisch ist“, sagt Schweitzer mit einem Schmunzeln und fügt an: „Ich bin total froh, dass es Unentschieden ausgegangen ist. Das war politisch ein gutes Ergebnis, aber ich habe hart darum kämpfen müssen.“ Auch deswegen geht er von einer hervorragenden Zusammenarbeit mit seiner saarländischen Amtskollegin aus. „Ich schätze sie sehr. Sie macht einen hervorragenden Job im Saarland.“

Zuletzt begegneten sich Schweitzer, Rehlinger und Malu Dreyer beim Pfalztreffen der SPD am Sonntag, drei Tage vor dem Machtwechsel in Mainz. In Dreyers Fußstapfen will er treten, hat Schweitzer im Juni während einer Pressekonferenz angekündigt. Das sorgte angesichts seiner Schuhgröße von 47,5 für etwas Schmunzeln. „Malu Dreyer hat es geschafft, das Land auch in schwierigen Phasen zusammenzuhalten. Durch ihre Art und ihre Person hat sie eine Tonlage in die Politik gebracht, die nach wie vor ihresgleichen sucht in Deutschland“, lobt Alexander Schweitzer seine Vorgängerin, beschreibt sie als„unpolitikerhaft“. „Das mögen Menschen an ihr und ich mag das auch an ihr“, sagt Schweitzer.

Alexander 
Schweitzer 
im Interview

Zwei Tage vor seiner Wahl zum Ministerpräsidenten: Alexander Schweitzer empfängt den „vorwärts“ zum Gespräch.

Alexander Schweitzer im Interview mit vorwärts-Redakteur Jonas Jordan

Zwei Tage vor seiner Wahl empfängt er den „vorwärts“ im Arbeitsministerium zum Interview. Beim ersten Blick in sein Büro fallen direkt die Trikots des Fußball-Zweitligisten 1.FC Kaiserslautern und die Autogrammkarte von Fritz Walter ins Auge. Im nach dem Kapitän der Weltmeister-Elf von 1954 benannten Stadion ist Schweitzer häufiger anzutreffen. Vor wenigen Wochen erst begleitete er „seinen“ Verein als Fan zum DFB-Pokalfinale nach Berlin. Von der Atmosphäre und der Choreografie der FCK-Fans schwärmt er noch heute. „Gefühlt war das für mich gar keine Niederlage“, sagt Schweitzer zum 0:1 gegen den Deutschen Meister Bayer Leverkusen.

Veganer Lautern-Fan

Auf die ansonsten bei Fans obligatorische Stadionwurst verzichtet Alexander Schweitzer bei solchen Gelegenheiten. Denn der Ministerpräsident lebt seit acht Jahren vegan. Was zunächst als Experiment begann, wurde schließlich Alltag. Ihm fehle nichts, sagt er. „Ich habe für mich persönlich entschieden, dass ich kein Fleisch und keine tierischen Produkte mehr essen möchte und habe nicht vor, etwas daran zu ändern.“

Purer Zufall, dass der Beginn von Schweitzers veganer Ernährung und die erste Ampel-Koalition in Rheinland-Pfalz ins selbe Jahr fielen. Als SPD-Fraktionsvorsitzender war Schweitzer einer der Architekten des Bündnisses aus SPD, Grünen und FDP. „Wir verstehen uns gut, weil wir uns das vorgenommen und über viele Jahre Vertrauen aufgebaut haben. Wir sehen, dass sich niemand auf Kosten der Koalitionspartner profilieren muss und trotzdem erfolgreich sein kann. Das ist eine gelernte Geschichte in Rheinland-Pfalz, hängt aber auch sehr stark mit dem uneitlen Agieren der maßgeblichen Personen zusammen“, erklärt Schweitzer das Erfolgsmodell der Ampel auf Landesebene, das er als Ministerpräsident auch nach der kommenden Landtagswahl 2026 fortsetzen will.

Die Nummer eins in Rheinland-Pfalz bleiben

Nur knapp 500 Meter sind es vom Arbeitsministerium zu Fuß bis zur Staatskanzlei. Und doch ist es der größte Schritt in der Karriere des 2,06 Meter großen Alexander Schweitzer. Bislang war er als Minister neben Arbeit und Sozialem auch für die Themen Transformation und Digitalisierung zuständig. Schweitzer spricht von „Themen, die darüber entscheiden, wie gut wir in die Zukunft kommen“.

Mit ihm in der Staatskanzlei werde es jemanden geben, der ein Auge darauf hat, dass es in diesen Bereichen Fortschritte gebe. „Transformation beschreibt das, was wir in Rheinland-Pfalz schon seit vielen Jahren kennen, nämlich dass wir uns im Wandel befinden und immer versuchen wollen, aus diesem Wandel stärker herauszukommen. Wir kennen und wir können Wandel“, sagt Schweitzer und nennt beispielhaft die Umwälzungen durch den Abzug der Amerikaner und der Transformation der Schuh- und Lederindustrie.

Trotzdem gebe es heute in vielen Teilen von Rheinland-Pfalz faktisch Vollbeschäftigung und die höchste Zahl von sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Geschichte des Bundeslandes. „Das sind alles Erfolgsmerkmale, die ganz klar mit sozialdemokratischer Regierungspolitik zusammenhängen“, meint Schweitzer. Daran will er anknüpfen und gibt für die verbleibenden knapp zwei Jahre bis zur Landtagswahl das Ziel aus: gut regieren, nach innen diskutieren, nach außen geschlossen sein und viel im Land unterwegs sein, um den persönlichen Kontakt zu den Menschen zu suchen. „Dann können wir mit Zuversicht in die Landtagswahl gehen. Ich bin sehr, sehr sicher, dass wir wieder die Nummer eins werden und auch bleiben.“ 

Autor*in
Jonas Jordan
Jonas Jordan

ist Redakteur des „vorwärts“. Er hat Politikwissenschaft studiert und twittert gelegentlich unter @JonasJjo

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